Leipziger Volkszeitung vom Donnerstag, 6. Januar 2005

Einmal Netzkunst und zurück


Leipzig kommt - das war bis vor wenigen Jahren Wahlspruch der Boomtown. Nun kommt Leipzig nicht mehr, Freiheit hat die Ankunft ersetzt. Und doch hat die Kulturstadt einen bemerkenswerten Boom erlebt: Bildende Kunst - besonders Malerei - aus Leipzig hat begonnen, den internationalen Kunstmarkt zu erobern. In unserer Serie "Leipzig malt" beleuchten wir dazu Trends. In der dritten Folge geht es diesmal um Anfänge und Entwicklungen der Medienkunst.

Die Hoffnungen waren riesig. Bisherige Kunst sei "nur ein Ersatz für das Internet" gewesen, behauptete ein euphorischer Satz. In der großen Utopie, was das Internet alles bewirken werde, wollten junge Künstler vor 15 Jahren World Wide Web und Kunst verschmelzen. Einer der Pioniere der Netzkunst, Joachim Blank, geboren 1963, baute seit 1995 den Fachbereich Medienkunst an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig mit auf. Er ist heute Professor einer Fachklasse, gleichzeitig Prorektor.

"Es war aufregend, mit vielleicht 50 Leuten weltweit, alles Dilettanten natürlich." Man traf sich "im Raum", der die Grenzen der topografischen und sozialen Räume zu sprengen schien. "Wir haben nach neuen Formen gesucht, als mehr würde ich das gar nicht bezeichnen" - die Rückschau klingt bescheiden. Blank gründet mit anderen Enthusiasten 1994 die virtuelle "Internationale Stadt", die Merkmale dessen trägt, was man bald Netzkunst nennt.

Zunächst einmal faszinierten die Technik und der Raum, in dem die Entfernung zwischen St. Petersburg und Los Angeles verschwindet. Doch mindestens so stark wie das ästhetische Gefühl der Entgrenzung waren politische Motive: Zum ersten Mal schien ein Medium gefunden, das die klassische Hierarchie vom "Einer sagt dir was, und du hörst zu" durchbricht, indem alle zu Sendern werden. Ein Chatroom, heute alltäglich, war aufregend neu. Nichts soll vorherbestimmt sein, auch die Ergebnisse der Aktionen - Diskussion, Mailaktion, kollektives Schreiben - sind offen. "Am Besten kann man es mit Konzeptkunst vergleichen", sagt Blank, "im virtuellen Raum."

Bald zeigte sich aber, dass die Hoffnungen an das Medium sich nicht erfüllen würden. Die Internetsurfer, die ihren Part hätten spielen sollen bei den "partizipatorischen" Ansätzen der Künstler, wollten lieber Bilder vom Mars sehen als basisdemokratische Diskussionen führen, wie Blank es ausdrückt. Außerdem bestätigte sich, dass es auch in dieser Kommunikation vor allem darauf ankommt, wie authentisch, fundiert, effektiv, nutzbringend sie ist.

Schnell zeigte sich auch, dass kommerzielle Strukturen das Internet bestimmen würden. Etliche Mitstreiter hätten gesagt, komm, lass uns eine Webbude gründen, Business machen. "Das war der Punkt, wo wir tschüss gesagt haben. Das interessierte uns nicht mehr. Mein Partner und ich, wir verhandeln seit 1996/97, seit der documenta X eigentlich, nur noch die Enttäuschungen dieser Technologie. Da werden einige Studenten böse sein, aber ich rede jetzt von der ersten Generation."

Blanks Partner als Künstler ist der Berliner Karl Heinz Jeron. Beide arbeiten seit 1997 unter dem ironisch industriell klingenden Label Blank & Jeron zusammen. Ihre Methode klingt einfach: Sie bieten auf Adressen bestimmte Aktionen an und führen in die Irre. Sinnvolles wird in Aussicht gestellt, um sich als absurd zu offenbaren. Ein Scanner scheint den eigenen Handzeigungen zu folgen, ist aber so manipuliert, dass er nicht funktioniert: Kontrolle über das Geschehen wird versprochen, ist aber entzogen. Eine Internetadresse bietet Informationsrecycling, die Wucherungen des Internet werden belichtet. Gegen die Praxis der Softwarekonzerne (Nur ein teurer Browser ist ein guter Browser) richtet sich eine andere Arbeit - die Adresse lädt zum Herunterladen des kostenlosen Ur-Browsers Mosaic ein und weist damit auf freie Historie und Netz-Monopolisierung heute.

Neuere Arbeiten verlassen den Netzraum. Bei "Week 7/24" kann der Besucher die Plexiglas-Plättchen willkürlich verändern, kann Farbe von Tag und Stunde bestimmen. Vollendete Selbstbestimmung, kompletter Leerlauf. "Bis heute benutzen wir so eine Art partizipatorischen Ansatz, aber nur als Vorführung. Wir zeigen Verstümmelungen." Sehr unzufrieden mit dem Weg des Netzes von einer Utopie zur neoliberal organisierten Profitmaschine beleuchten Blank & Jeron nichts weniger als heutige Verhältnisse der Wissensgesellschaft: wie sie verteilt, was sie verteilt. Das "Girl des Tages" kann nicht die Erfüllung des Internet sein. Blank und Jeron schlagen keinen Alarm, sondern erörtern die Defizite auf zynische, subversive Art, verbunden mit listigen Winken.

Meinhard Michael


www.blankjeron.com und www.rerepresent.org und www.sero.org und www.we-care-a-lot.org