Hans-Jürgen Hafner

Information ist einer der Schlüsselbegriffe, um den sich das Werk von Blank & Jeron in immer neuen thematischen Varianten und Ausformungen anlagert. Mit seiner Solo-schau im Kunstverein Leipzig scheint das Künstlerduo Joachim Blank und Karl Heinz  Jeron die Aufmerksamkeit allerdings verlagern zu wollen: dieses Ausstellungsprojekt fokussiert nämlich deutlich auf Material und Form - gezeigt werden Wandobjekte und Bilder. Damit verschiebt sich in markanter Weise der Wahrnehmungsrahmen, in dem die Arbeiten des Duos bislang vermittelt und verhandelt wurden. Der gewichtig daher kommende Titel der Schau - Bodenbildung – kann dafür gezielt metaphorisch verstanden werden.

Im so konzentriert wie traditionell gestalteten Ausstellungsdisplay fällt zuerst ein Drang zum Bild ins Auge. Das ist überraschend, wenn man an die multimedialen Installationen (Scanner++), vielgliedrigen Erlebnisräume (re:represent) und vor allem die im, für und über das Internet realisierten Arbeiten der Künstler denkt. Im perfekten White Cube des Leipziger Kunstvereins ist nun das gewohnte kontextuelle Ausgreifen und teilweise formale bzw. referentielle Ausufern der Arbeitsanordnungen von Blank & Jeron auf sparsam an den Wänden platzierte Bildformate sowie zwei dramatisch in den Raum hineinragende Plexiglas-Objekte eingedampft. Deren Formensprache ist simpel, modernistisch reduziert, nur die Farbigkeit ruft - im Gegensatz zum aktuell so weit verbreiteten Patina-Chic - nach 90er-Jahre-Ästhetiken... Morris, Rockenschaub und Co. lassen grüßen.

Gerade week 7/24 (2004), eine siebenteilige Serie von aus beweglichen Plexiglastäfelchen zusammengesetzten Monochromen, erinnert zusammen mit den dominanten Wandobjekten aus dem Werkkomplex re:represent (2000-2004) an den coolen Look von, sagen wir, Techno. Allerdings steht im Widerspruch dazu ihre eher raue, handgemachte Herstellungsweise. Und das in week 7/24 angelegte Interaktionsangebot - die Täfelchen können bewegt und frei zu bunten Farbfeldern arrangiert werden - wirkt wie ein ziemlich höhnischer Abgesang auf jene gerade im letzten Jahrzehnt notorisch beschworenen Potenziale von (Zuschauer-)Beteiligung und Interaktion. Nicht zu vergessen: Blank & Jeron starteten ihre Karriere Mitte der 90er Jahre in einer Gemengelage konzeptueller künstlerischer Praktiken und deren unmittelbarer Diskursivierung. Das konnte von partizipativer Spaßkunst à la Rikrit Tiravanija über die häufig als die „letzte Avantgarde“ apostrophierte Netzkunst  bis hin zu engagiert/politisiertem Aktivismus im nur mehr strategisch besetzten Terrain 'Kunst' reichen.

Heute stattdessen: Bilder. So brisant wie nachhaltig wirkt die Gegenüberstellung von Scanner Mobile (2001) - ein zweiteiliges Set-up aus Scanner und Monitor, jeweils in blau gelackte Metallkästen eingebaut - und einer Serie von zehn farbenfrohen, hinter Glas gerahmten Aquarellen. Mit dieser Kombination erschließen sich Blank & Jeron neues Terrain. Immer wieder hatten die beiden Künstler auf der motivischen ebenso wie strukturellen Basis von Datenerfassung, -produktion oder auch Statistik gearbeitet und aus dem entsprechenden visuellen Vokabular wie etwa Diagramme, Tabellen etc. 'Bilder' abgeleitet: Dieses meist nicht intentional, sondern nach vorab definierten Herstellungsrastern in der Grauzone zwischen Zufälligkeit und konzeptioneller Beschränktheit. In Leipzig steht die ironisch-technizistische Malmaschine Scanner Mobile, die im Dauerbetrieb ihre Umgebung scannt und damit Material für zufällige Monitor-Bilder generiert, gegen die jüngsten, nach Diagramm- und Textmotiven aus dem re:represent-Plot nunmehr fleißig aquarellierten Arbeiten.

Informationslandschaft (2004) deutet in eine andere Richtung. Für die einzelnen Blätter sind ihre Motive nämlich gezielt ausgewählt und in Handarbeit erzeugt. So gewinnt die aus Ökonomie und Soziologie entlehnte Motivwelt von Blank & Jeron einen neuen Status. Sie will - deutlich mehr als Material denn als Referenz oder Text - nicht mehr in einer vor allem dem Kontext geschuldeten, sehr oft situationsspezifischen Form arrangiert werden. Das Material will stattdessen (s)eine eigene Form als Bildqualität ausbilden und sich als Kunst verantworten.

Mit dieser Werkgruppe verabschieden sich Blank & Jeron von den typischen diskursiv-strategischen Andock-Manövern konzeptueller Kunstpraktiken. Sie behaupten Autonomie und stellen damit einen neuen Rezeptionsrahmen für ihre Arbeiten her. Ein ziemlicher, mutiger Schritt.

Im Kunstverein Leipzig vom 19. 10. - 13. 11. 2004.



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